Wie ich die Redaktionssitzung verpasste 4

Was zuvor geschah:

Teil 1: Gunter am Gleis
Teil 2: Der erste Eindruck zählt
Teil 3: Eisbrecher

Teil 4:James würde es verstehen

Langsam und gemütlich gingen wir in Richtung Ausgang. Ich musste mir vorstellen wie sich bereits erste Bahnmitarbeiter hinter den Überwachungsbildschirmen eingefunden hatten um die Geschehnisse zwischen mir und der jungen Dame genauer zu verfolgen. Bestimmt haben die dort solche Touchscreenvorrichtungen und können Markierungen wie bei Fußballanalysen machen. Wahrscheinlich war ich gerade eingekreist und die Szene wie wir die Treppe herab gingen wurde immer wieder abgespielt. Was würde wohl Mehmet Scholl jetzt tun?

Auf dem Weg zum Eis bauten wir erstes Basiswissen auf. Auch mal wieder schön, schließlich werden solche Gespräche in dieser Form aufgrund diverser Social Network Platfformen immer seltener. Ronja hieß eigentlich Beatrix und war hier zum studieren, das Wintersemester über wollte sie in Berlin bleiben und dann mal sehen ob sie wieder zurück nach Nantes geht oder noch eine Verlängerung dran hängt. Ah Verlängerung. Für einen Moment dachte ich wieder an die Bahnmitarbeiter in der Überwachungszentrale.

Aber die konnten mir jetzt auch egal sein, schließlich hatten wir den Bahnhof verlassen und kamen dem Eis immer näher. Die Fragenkombination wo ich denn her komme und was ich eigentlich so mache, gestaltet sich immer etwas schwierig. Also im Prinzip ist es das gar nicht, aber ich halte es durchaus für eine Herausforderung einer französischen Austauschstudentin die Herkunft »Bielefeld« wohlklingend unterzubringen. Aber egal, kannte sie eh nicht und ließ sich somit die Möglichkeit für den Top Gag »gibt’s nicht« entgehen. Mein Studienfach lässt sich da schon eher gekonnt einbringen, insofern es vorher natürlich ins rechte Licht gerückt wurde. Rein theoretisch studiere ich »Medieninformatik & Gestaltung«, da aber ein Großteil der Gesprächspartner/innen beim Terminus »Informatik« unangenehm zusammenzucken oder sich zu langweiligen Gesprächsthemen animiert fühlen, umgehe ich das immer elegant und sage nur »Mediengestaltung«.

Das hat den Vorteil das es zum einen wesentlich interessanter klingt und zum anderen bei manch einer die Vorstellung hervorruft das man bestimmt ein total spannender Typ ist, der sich am Morgen vorm eMails abrufen im Café um die Ecke noch mal mit Farbe auf dem Bauch gegen die Wand wirft. Zumindest bilde ich mir das immer ein.

Beatrix schien davon zumindest angetan und brachte den Vorschlag in ein anderes Eiscafé zu gehen. Das hier in der Nähe sei so unpersönlich und es sei so schrecklich unangenehm der türkischen Bedienung dabei zuzusehen wie er kläglich versucht sich betont italienisch zu geben. Bei ihr in der Nähe gäbe es ein ganz tolles gemütliches in einem Hinterhof, wären auch nur ein paar Stationen mit der U-Bahn von hier. Ganz kurz dachte ich a… klar hatte ich Zeit. Auf zur U-Bahn! Wo ist die U-Bahn? Ist das die U-Bahn?

Wir liefen zurück zur U-Bahn, ich versuchte vor den Überwachungskameras möglichst athletisch auszusehen und erklärte Beatrix währenddessen was man hier unter »Fremdschämen« versteht. In der U-Bahn versuchte ich ein Gespräch über Musik aufzubauen, schließlich ist das doch der wichtigste Persönlichkeitszug. Selbstverständlich versuchte ich mich da musikalisch allwissend zu geben und versuchte erstmal auf ihre Nationalität einzugehen. Doch bereits im Ansatz merkte ich, dass ich kläglich scheitern würde.

Woran denkt man denn auch, wenn man an Musik aus Frankreich denkt? Klar, Yann Tiersen aber wenn ich das jetzt sagen würde, würde sie einen Moment lang so wie Amelie gucken, dann die Augen verdrehen und an der nächsten Station so aussteigen, dass ich nicht hinterher käme. Außerdem wäre das nicht fair, immerhin hatte sie zuvor schon die »Bielefeld gibt’s doch gar nicht« Nummer nicht gebracht. Aber was gibt es denn dann noch? Spontan fiel mir da noch dieser nervige Pädophilentraum ein – Alizée.

An dieser Stelle ein vollkommen zusammenhangsloses Beispiel, welches Halbwissen man sich durch Wikipediarecherche nebenbei so aneignen kann:

»1995 gewann Alizée einen Malwettbewerb der Fluggesellschaft AOM French Airlines. Ihre Zeichnung wurde auf dem Rumpf eines Flugzeuges reproduziert, das außerdem auf ihren Namen getauft wurde. Mittlerweile wurde die Maschine allerdings umlackiert und steht zurzeit im Dienst der südafrikanischen Airline 1time.«

Am liebsten hätte ich in diesem Moment auch schnell mal bei Wikipedia nach guter französischer Musik gesucht, aber mir fiel dann wirklich nur noch dieser lustige französische Hip Hop ein der einem vornehmlich bei arte hin und wieder über den Weg läuft. Aber eigentlich hat es ja schon was für sich wenn unglaubliche harte Vorstadtkids auf so ziemlich alles und jeden schimpfen, ihre Sprache für diesen Zweck aber absolut nicht geschaffen ist.

Ich tat letztlich einfach so als hätte ich Frankreich im Themenkomplex Musik nie angesprochen und unsere Musikgeschmäcker erwiesen sich als durchaus kompatibel. Für einen Moment verfiel ich der Zukunftsvision wie ich mit ihr gemeinsam vorm Weihnachtsbaum sitze und sie gerade die LP eines Bloc Party Unplugged Albums auspackt. Ich grinse dabei über beide Ohren und trage einen weinroten Rollkragenpullover mit cremefarbenen Hirschen, selbst gestrickt.

Doch ehe ich mich so wirklich in mein Fantasieweihnachtsfest vertiefen konnte, wurde ich auch schon aus der Bahn gezerrt. Beatrix sprang vor mir herum und grinste, ich sollte besser aufpassen und nicht so viel träumen sagt sie. Und wie sie das erst sagte, ich entschied mich noch mehr zu träumen als zuvor. Die Treppe hoch, 2 Straßen weiter und schon standen wir in einem schicken kleinen Hinterhof wo eine kleine dicke Frau hinter einer alten Theken Eis verkaufte. Woah, das hier musste wohl einer dieser Gründe sein warum Berlin so auf ganz besondere Art und Weise hipp ist, definitiv.

Wir nahmen in der Ecke neben dem Baum Platz, aber bevor ich jetzt irgendwas mit Eis zu mir nehmen konnte musste ich erstmal was Flüssiges zu mir nehmen, schließlich war ich zuvor Zug gefahren. In Zügen, wahlweise auch U- oder S-Bahnen, gelten ja generell andere physikalische Begebenheiten, so kann man schwitzen und gleichzeitig frieren ohne auch nur irgendwas zu tun. Zudem hat man in keinem Spiegel der Welt so schlechte Haut wie in der Spiegelung von ICE-Fenstern, aber das nur am Rande.

Ich brauchte also erstmal dringen was zu trinken. Falls Beatrix tatsächlich denken sollte, dass ich mich am Morgen mit Farbe gegen die Wand werfe oder Drogen aus halbgiftigen Parkpflanzen baue, konnte ich hier jetzt unmöglich einfach nur Cola trinken und wählte das extravaganteste der Getränkekarte – Ginger Ale.

Doch bevor ich meine ausgetrocknete Kehle mit dem ersten Schluck zumindest halbwegs befriedigen konnte bekam ich einen tierischen Hustanfall. Das hasse ich so an Ginger Ale, vorm ersten Trinken hüpfen einem diese kleinen Bläschen in die Nase und man verschluckt sich. Ich fing mich halbwegs, vertilgte dann beinahe eine herannahende Hummel und verpasste dem Stuhlbein des weißen Plastikgartenstuhls einen erheblichen Knacks als ich mich zurückwarf. Schon früh begann ich diese komischen stapelbaren Stühle zu hassen, da sie nie auf meiner Seite waren und immer kaputt brachen als ich mich über die Anweisung nicht zu kippeln hinwegsetzte. Aber hier war ja gerade noch mal alles gut gegangen, nur ein Stuhlbein hatte einen Riss und wenn ich jetzt weiter wie auf einem dieser Gymnastikbälle hier sitzen würde, dürfte nichts passieren.

Beatrix fühlte sich bestens unterhalten und fragte mich ob ich denn wirklich so gar nichts für meinen spontanen Berlin-Besuch geplant hätte. Für einen Moment sah ich sie dann wieder beim Brunch irgendwo im Prenzlauer Berg sitzen und antwortete entschlossen mit einem »Nein« Wobei doch, etwas war da doch noch. Auf ein Konzert wollte ich sagte ich ihr. In dem Moment als sie mich fragte welches es denn wäre schlug mein inneres Ich beide Arme über dem Kopf zusammen. Klar, du sitzt hier mit dem bezauberndsten Mädchen Frankreichs im wohl idyllischsten Eiscafé der nördlichen Hemisphäre und willst ihr ernsthaft erzählen das du Morgen in diesen O2 Klotz den keiner leiden kann gehst um dir Metallica anzugucken. Super Plan, echt.

Da musste ich meinem inneren Ich wohl erneut Recht geben. Das mit Metallica war nun mal so eine Sache die sich stets als etwas kompliziert herausstellt. Irgendwann wollte ich darüber mal ausführlichere Forschungen machen, später mal. Wenn man nämlich Menschen mit halbwegs ausgeprägtem guten Musikgeschmack erzählt, dass man Metallica mag denken die ersten 43% das man aus dem Nichts jederzeit eine Bierdose an der Stirn zerschellen lassen könnte um sich das über die Bauchfalte zu gießen. 55% denken das man keinen Musikgeschmack hat bzw. »alles« hört, weil Metallica nun mal einer der vielen kleinen gemeinsamen Teiler ist und mittlerweile auch in jedem 2. aufgebrezelten Golf ein Rohling mit der Aufschrift »Best Of Metallica MP3« im Handschuhfach liegt. Die restlichen 2% sagen dann übrigens, dass sie mal James Hetfield getroffen haben.

Ein derartig komplexes Thema konnte ich in dieser gebrechlichen Phase des Kennenlernens unmöglich einwerfen und entschied mich lieber noch eine weitere kleine Notlüge einzufädeln. Ich erinnerte mich an eins der gefühlten 748 Plakate auf dem Weg hier hin und sagte ich würde zu Coldplay gehen, die wollte ich unbedingt schon mal live sehen allein schon wegen des Anfangs von »Bones«. Aber ansonsten mag ich auch lieber Konzerte im kleineren Rahmen, ja.

Sie nickte zufrieden und sagte sie sei sehr neidisch. Dann habe ich etwa drei bis vier Sätze ausgelassen, da ich mich voll und ganz auf ihr Lächeln konzentrierte und war erst wieder bei Sinnen als zwei Eiskarten auf den Tisch gelegt wurden. Ach stimmt ja, zum Eis essen waren wir ja hier. Beatrix begann sofort mir eine Empfehlung nach der anderen unter die Nase zu halten. Des Akzentes wegen ließ ich mir jedes Pro-Argument diverser Eisbecher mindestens 2-mal aufsagen. Mein inneres Ich zeigte sich immernoch erstaunt darüber wie gut ich die Sache mit Metallica umschippert hatte und meinte das hier durchaus etwas draus werden könnte.

Fortsetzung folgt

15 Kommentare:

  1. (not)lügen sind unsexy, sehr.

  2. ich muss mich meinem vorredner da anschließen.

    als soziologe springen mir hier allerdings all die aus den erwartungshaltungen heraus angenommenen notlügen als interessanter aspekt ins auge :D dank der monologform ein beispielhafter text über die reziprozität, die george herbert mead so gern beschreibt, lässt sich die konstruktion des eigenen selbst aus dem ich über den anderen heraus sehr schön ablesen.
    danke :D

    und die überwachungskameras lassen mich auf michel foucault verweisen, der mit seinem panopticon und dem damit verbundenen überwachungsgedanken macht auf das denken des subjektes ausübt.

    nett :D

    ich fand übrigens die metallicaaufklärung sehr angenehm.

    ich bin gespannt wie das endet. wenn das mit den notlügen so weiter geht, bist du zum schluss wahrscheinlich so ein schaltragender künstler, der in seinem attelje (hmm, schreibt man das so *skeptisch guck*) eine französin nach der anderen vernascht, während im hintergrund chopin läuft und du schon 3 mal auf seinem konzert warst (häähm) ^__^

  3. Das wirkt unsympathisch, wenn jemand es nötig hat, sich so sehr ins hippe Licht zu rücken und nicht in der Lage ist, einfach zu zeigen, wie die Person ist. Wie soll so was denn weiter gehen ? Soll ewig vorgespielt werden ? Oder hört das dann einfach auf wenn” die Katze im Sack ” ist ? Das wäre sehr ernüchternd.

  4. Könntest Du vielleicht zwischendrin den letzten Teil posten? Ich mache das bei einigen Büchern so (zwischendrin die letzte Seite lesen).

  5. So kleine Notlügen wie diese könnte ich verzeihen. Kommt auch ein bisschen auf das Alter des Notlügners an… So ab 30 fände ich es dann auch unsexy. Aber was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. Oder?

    So, und dann bitte schön weiter mit der Hermöopathie.

  6. Ok, ich halte jetzt so lange die Luft an, bis Du endlich mit dem Ende der Geschichte rausrückst. Mein Leben liegt in Deinen Händen.

    Und an all die Nörgler: Es geht hier um eine Französin, die mit arte Beutel und einem hinreißendem Akzent durch Berlin schwebt – der kann man einfach nichts von Metallica erzählen – geht nicht.

  7. @robert: wie geht es dir?

  8. … robert?

  9. …fiep…

  10. Wie analysieren die Bahnmitarbeiter die Szenen? Der Kloppscreen wird bekritzelt als wäre es Etch-A-Sketch und folgende Worte könnten gefallen sein. “Ja zu Anfangs lies sich der Herr Herm noch zu kleinen offensiven vorstoßen hinreißen, nachdem ihm die eine oder andere offensiv Aktion gelang. Nach und nach lullte er sich selbst ein (es werden einige gestrichelten Linien gezogen, einige zickzack Linien) er nutzte nicht den freien Raum. Ja Fredi, zum Ende der 1. Halbzeit wurde aus dem 4-4-2 mit Raute, eher ein 5-4-1 bei dem fast alle außer der Stürmer in der eigenen Hälfte standen, mit “Ich” als modernen Libero a la Sammer, der das ein oder andere mal die Abwehrfehler des defensiven Mittelfelds und der Verteidiger Kollegen spielerisch ausbügelte. Was muss für die 2. Hälfte passieren Oli? Mmhh ja, der Herm sollte vielleicht einen kreativen Mittelfeldspieler bringen der den einzigen Stürmer da vorne unterstützt und auch mal die ein oder andere Einzelaktion nach vorne bringt, so ein Typ wie der Mehmet früher bei uns.” Dann warten wir mal die 2. Hälfte ab.

  11. soweit ich das beurteilen kann, kann man französinnen mit arte-beutel durchaus was von metallica erzählen. aber man soll ja nicht von sich auf andere, ihr wisst schon…

  12. sind wir bald daaa?

  13. wann…gehts…WEI…TER..!!!!???!!!

  14. Wie geht es nun weiter mit Beatrix?

  15. [...] hat der Akku drei Minuten zu früh schlapp gemacht, so dass alle Unwissende die letzten Zeilen hier nachlesen müssen. Kenner wird diese Tatsache aber wohl kaum stören, wissen sie doch genau, dass [...]

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